Julia Lenart
Spätestens seit dem 19. Jahrhundert spielte das Klavier als ‘bürgerliches Möbelstück’ eine nicht zu vernachlässigende Rolle in der Identitätskonstruktion eines (europäischen) Bildungsbürgertums. Die voranschreitende Industrialisierung brachte nicht nur technologische Neuerungen im Klavierbau sondern auch wirtschaftliche Veränderungen mit sich. Produktion und Nachfrage der Instrumente nahmen entsprechend im Verlauf des 19. Jahrhunderts stetig zu. Wien gilt dabei als eines der Zentren des Klavierbaus. Für das Jahr 1900 verzeichnet das Wiener Adressbuch Lehmann 132 “Clavier-Fabrikanten und Clavierhändler”1.
Das Dissertationsprojekt nimmt diese Vielfalt an Klavierbaubetrieben zum Ausgangspunkt, um Räume der Wiener Klavierproduktion vor dem Hintergrund globaler Verflechtungen zu untersuchen. Es werden verschiedenste räumliche Konstellationen, musikbezogene Praktiken und Akteur:innen in den Blick genommen. Eine zentrale Rolle spielen familiale Netzwerke, denn die meisten Klavierbaubetriebe verstanden sich als ‘Familienunternhemen’. Zugleich werden die lokalen Räume und Praktiken des Klavierbaus in den globalen Kontext gesetzt; Fragen der Acquisition von Rohmaterial (darunter Hölzer und Elfenbein) sowie der (globalen) Distribution der Instrumente werden behandelt.
Das Klavier tritt dabei als raumkonstituierender Akteur in das Zentrum des Interesses, denn als solches hatte es Anteil an der Konstitution von mit kultureller Bedeutung aufgeladenen Räumen.
- Adolph Lehmann’s allgemeiner Wohnungs-Anzeiger nebst Handels- u. Gewerbe-Adressbuch für d. k. k. Reichshaupt- u. Residenzstadt Wien u. Umgebung, Wien 1900, S. 617–619. ↩︎